Alles ist möglich!

wir haben / schon länger den blick / blinder riesen, das lachen ins nichts / mit erhobenem kinn, dorthin / wo die welt vermutet werden könnte …
–Lutz Seiler, müssen wir riesen verhungern?

„Ich könnte wahrscheinlich immer noch fast jeden Gegenstand in der Wohnung meiner Eltern aufzählen, weil ich die immer wieder komplett durchsucht habe, in der Hoffnung, etwas Neues zu finden“, gab Jochen Schmidt einmal zu Protokoll. „Ich weiß noch heute, was in jedem einzelnen Schrank war und wie es darin gerochen hat.“ Leider geht die Fähigkeit, absolut im Hier und Jetzt zu sein, meist genauso verloren wie die ewig langen Sommer der Kindheit. Mit Büchern, mit Autorinnen, Autoren und ihren Geschichten können wir überallhin reisen. Zeiten und Orte, alles ist möglich. Vielleicht wurden dafür Festivals wie der Literarische Herbst erfunden?

In diesem Jahr ist unser Herbst noch internationaler als sonst: Einen Tag nach der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche wird der französisch-britische Völkerrechtler Philippe Sands im Leipziger Alten Rathaus auftreten, wir freuen uns auf den großartigen zweiten Roman der irischen Bestseller-Autorin Louise Kennedy, eine unter die Haut gehende Recherche der französischen Journalistin Prune Antoine und Dora Kaprálová, die mit der „Mariborhypnose“ das tschechische Buch des Jahres 2026 im Gepäck hat.

Dass Dora dabei von ihrer langjährigen Freundin Judith Hermann begleitet wird, zeigt, wie wichtig uns spannende Bühnen-Konstellationen sind, die allermeisten gibt es so nur in Leipzig: In der naTo treffen mit Jochen Schmidt und Gerhard Henschel die großen Erinnerungs-Virtuosen der deutschen Gegenwartsliteratur aufeinander, im Zeitgeschichtlichen Forum diskutieren Tocotronic-Bassist Jan Müller und Henryk Gericke über „50 Jahre Punk BRDDR“, im Werk 2 präsentieren Ruth-Maria Thomas und Dana Vowinckel ihre mit Spannung erwarteten zweiten Romane und im UT Connewitz fragen Eva Menasse und Christine Koschmieder mit Blick auf ihre Ost-Immobilien, was ein Haus zur Heimat macht.

Herbst-Klassiker wie die Lyrikhotels, die „Edit“-Release-Party oder „Beste erste Bücher“ – diesmal mit zwei Nominierten für den Deutschen Buchpreis! – dürfen Sie, logisch, von uns erwarten. Dass Axel Scheffler mit seinem neuen „Grüffelo“-Band, der im September Weltpremiere feiert, zum Jungen Herbst! nach Leipzig kommt, ist dann schon Extra-Glück, genau wie die Premieren der Buchpreisträger Lutz Seiler und Martina Hefter. Unsere inoffizielle Festival-Band Hallo Volte hat an diesem Abend mit Martina ein Motto parat, das wahrscheinlich für den ganzen Literarischen Herbst gilt: „Alles ist möglich und alles bereit.“

Jörn Dege, Nils Kahlefendt und Anja Kösler