Lyrikhotel Eins „Hilfsschule Bixley“

Ein Abend für Ivan Blatný

 /  7/5 €  /  Möbelkooperative Süd  /  Lyrikhotel

Mit Jan Faktor und Annette Simon (Berlin) & Martin Reiner (Brno), Moderation: Lubomír Sůva (Brno/Göttingen)

Im Februar 1948, wenige Wochen nach der kommu­nistischen Machtübernahme, nutzte Ivan Blatný, der gefeierte Jungstar der tschechischen Literatur, einen Stipendienaufenthalt in England, um sich ins Exil abzusetzen. Nach einem Nervenzusammenbruch ver­ brachte er aus Angst vor Verfolgung die meiste Zeit in psychiatrischen Heilanstalten in Südengland. Hier ent­standen nach Jahrzehnten der literarischen Abstinenz zwei einzigartige Gedichtbände: „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“. Darin trifft der Krankenhausalltag auf Erinnerungen an die Jahre in Brünn, Fernsehnews und Königshausklatsch schließen sich mit Blatnýs reichem kulturhistorischen Wissen kurz. Über Anspielungen und Zitate bleibt der Autor mit sich und seinen Dichterfreunden im Gespräch. Überraschend zwanglos, mit ungebän­ digter Sprachlust, wechselt Blatný mitten im Satz von Tschechisch zu Englisch, Französisch oder Deutsch, zuweilen gar mit Reimen über die Sprachgrenzen hinweg. Seine surrealistischen Collagen schaffen ein eindrückliches Porträt der brüchigen Existenz eines durch Exil und Sanatorium doppelt isolierten Autors. Vorgestellt wird dieser Ausnahme­-Poet von Jan Faktor und Annette Simon, die „Hilfsschule Bixley“ 2018 für die Wiener Edition Korrespondenzen ins Deutsche brachten, und dem Autor und Verleger Martin Reiner, der einen 600seitigen Dokumentar­-Roman über Blatný geschrieben hat und als wohl profundester „Blatnýologe“ gilt.

Lyrikhotel

„Schriftsteller zu sein, bedeutet die Freiheit, fluchtartig Hotels zu verlassen, glücklich oder traurig, hemmungslos und ohne großes Bedauern.“

Tennessee Williams

„Ich kann fast von jedem Hotelzimmer, in dem ich gelebt habe, nur das Beste erzählen“, meinte einst Franz Kafka; für Brecht bot das Hotel die Möglichkeit, ein Leben wie im Roman zu führen. Kein Zweifel, zwischen Autor*innen und Hotels, die für Anonymität stehen, aber auch gesellschaftliches Leben ermöglichen, besteht eine große Affinität. Uns scheint der transitorische Raum, in dem man sich heimisch fühlen kann, ohne hier zu Hause sein zu müssen, wie geschaffen für Poesie.

Wir haben drei renommierte Leipziger Autor*innen gebeten, sich für je einen Abend eine besonders geschätzte Kollegin, einen Kollegen aus dem deutschsprachigen Raum einzuladen. Keine Moderation, keine thematischen Vorgaben, alles ist erlaubt! Wir freuen uns auf drei spannende Paarungen, auf Lesung, Gespräch, überraschende Interaktion und die Magie der Worte. Hotel auf Zeit für diese außergewöhnlichen Begegnungen sind drei ganz besondere Räume: Der Laden der Möbelkooperative Süd, die Kulturapotheke im Leipziger Osten und eine Künstler-Wohnung in der Alten Post Lindenau, die für einen Abend zum Salon wird.